Nach einer weiteren kühlen Nacht freuten wir uns, dass es wieder los ging. Joness bewegte sich zunächst noch mit langen Hosen und Regenjacke fort. Bewegung erzeugt Wärme und nach kurzer Zeit konnte sich mein Partner der warmen Kleidung entledigen. Meine Wenigkeit hatte seit dem Aufstehen eine kurze Hose und ein T-Shirt an. Nach drei Kilometer feierten wir unseren insgesamt 500. Km, sogar die Welt feierte mit, als der Mond unterging, ging die Sonne auf. Dieses Schauspiel der Natur mit beiden Himmelskörper war fantastisch. Joness zündete heute Morgen eine Rakete, nicht mal ich konnte das Tempo mithalten und liess ihn ziehen. Da ich ihm immer wieder die Richtung nach vorne rufen musste, rannte ich zu Joness nach vorne. Ein Einheimischer sah mich rennen und rufte «Tranquilo» was gemütlich bedeutet. Tranquilo ist übrigens das meist gehörte Wort von uns in Paraguay, da jede Person das 1000mal am Tag ausspricht. Bei Usain Bolt an der Spitze angekommen besprachen wir das Weitergehen. Unsere geplante Route wäre weiter auf Landwegen bis nach Encarnación gegangen. Joness will unbedingt die Indigenenvölker besuchen und ich sah in der Nähe eine Ruine zum Anschauen. Bei einer Pause plante ich die Route neu, so dass beide Parteien zufrieden sind. Joness fragte mich, ob wir längere Routen laufen können, da er das Limit spüren möchte. Zuerst war ich unsicher, da ich den Jungen nicht als Paraplegiker zurück bringen möchte, aber der Sadist in mir wollte es heraus fordern. Auf dem Weg nach Jesus de Tavarangue und der Ruine, stand die Sonne schon ziemlich hoch und brannte gnadenlos auf unsere Eierköpfe. Ich wollte es unbedingt noch zur Ruine schaffen und erst danach eine Pause machen, da wir am Nachmittag auch noch etwas vor uns hatten. Bei 35Grad liefen wir über Pflastersteine, Joness hatte eine Blatter an einem Zeh, die ihn behinderte. Wegen der Hitze kauften wir noch kurz Wasser ein, da es sich zog zur Ruine. Uns wurde sofort ein Platz angeboten und wir teilten landestypisch einen Terere. Nach einer Plauderei mit unseren Amigos ging es auf die letzten Kilometer vom Vormittag. Sichtlich müde und komplett durchnässt vom Schweiss, kamen wir in Jesus de Tavarangue an. Die Ruine war an und für sich nichts Spezielles und wir sahen sie von unserem Pausenplatz an. Unser Pausenplatz war unter einem Baum auf dem Trottoir. Joness legte sich auf seine Luftmatratze und ich legte mich direkt auf den Boden für den Mittagsschlaf. Nach dem Mittag schoben sich immer wieder Wolken vor die Sonne, was uns positiv fürs Weiterlaufen stimmte. Immer wieder kamen Leute zum Reden vorbei, aber einer bleibt uns lange im Gedächtnis. Ein Mann kam auf seinem Roller gefahren auf uns zu, gerade fahren konnte er schon gar nicht mehr. Der Motor würgte der Mann zwei Meter vor uns ab und konnte kaum den Roller zu uns schieben. Als er mit mir sprach, da er Joness keines Blickes würdigte, fiel mir auf, dass mehrere Zähne dem Mann fehlen. Das meiste konnten wir nicht verstehen und sagten immer wieder «Si» und lachten. Er erzählte uns Weibergeschichten, wir waren nur froh, dass er ohne vom Roller zu fallen wegfahren konnte. Wir beendeten die Pause und machten uns nach Trinidad auf, es lagen zwölf Kilometer purer Asphalt vor uns, bei milden 35Grad. Deshalb kauften wir nochmals Wasser ein, am Ende des kleinen Städtchen. Die Verkäuferin fragte uns etwas, was wir beide nicht verstanden haben und sagten höflich «Hasta luego» und gingen. Beim Laufen fielen mir die Wörter ein. Die Frau wollte uns Eis offerieren und durch Unwissenheit lehnten wir ab. Ich dachte auf den ersten Kilometer immer wieder an das verlorene Eis. Joness lief mir im Windschatten und wir liefen ein sehr hohes Tempo. Als wir mehr als die Hälfte zurückgelegt haben, hielt ein Truck neben uns an und fragte uns ob wir mitfahren möchten. Da wir zu diesen Zeitpunkt schon 40km marschiert sind, nahmen wir das Angebot gerne an. Als die hintere Tür sich öffnete sahen wir eine wunderschöne junge Frau in einem knappen roten Kleid auf der Rückbank sitzen. Joness, ich und unsere zwei monströsen Rucksäcke gesellten sich zur jungen Frau. Da wir mehrere Tage nicht mehr geduscht haben, hatten wir ein schlechtes Gewissen. Natürlich wurden wir von den drei freundlichen Helfern ausgefragt, was wir hier machen. Neben der bezaubernden jungen Frau neben mir waren noch der Fahrer und eine weitere Frau, die uns mitgenommen haben. Sie luden uns ein, mit nach Encarnación zu fahren, dieses Angebot mussten wir ablehnen, da es die morgige Etappe ist und wir die laufen möchten. Ohne Namen und Nummern auszutauschen bedankten wir uns 1000mal und stiegen in Trinidad aus. Von dieser Frau werden wir noch träumen (für alle Männer, es tut uns leid, dass wir keine Fotos haben). In Trinidad setzten wir uns zuerst, so dass das Blut wieder zurück fliessen konnte. An eine Tankstelle kauften wir noch ein Eis und Wasser. Wir fanden auf der Karte einen Park, der geeignet zum Campieren aussah. Es waren die letzten Meter für den Tag mit unseren Rucksäcken. Neben dem Park fanden wir eine Seitenstrasse mit einer kleinen Siedlung. Neben der Kirche war ein geeignetes Plätzchen. Ich fragte ein paar Anwohner, ob wir dort zelten dürfen und Joness bereitete alles vor. Wie gewohnt, war es kein Problem. Als wir kochten, kamen immer wieder Leute vorbei und wir kamen aus dem Reden gar nicht mehr heraus. Ein Mann Namens Sérgio wurde unser Freund und brachte uns noch Wasser. Sérgio war mehr als eine Stunde bei uns und wir tauschten uns aus. Mit Sérgio kamen noch zwei Buben mit, David und Elias Was der 8 und 11Jährige nicht wissen, dass sie unser Leben verändert haben. Zuerst spielten wir vier miteinander und zeigten hnen unser Material. Später erfuhren wir von Sérgio, dass die Mutter von David und Elias bei einem Einbruch getötet wurde und deshalb Sérgio wie ein grosser Bruder für die Zwei ist. Sérgio ging, aber die zwei Buben blieben noch ein bisschen bei uns. Die zwei Jungs waren sehr neugierig und fragten: »Was wir an Weihnachten machen?». Eine sehr verständliche Frage, ich sagte, dass unsere Familien weit weg sind und deshalb Joness und ich eine Familie sind, die dann zusammen feiern, aber noch nicht wissen wo. Wir fragten auch, was die Knaben an Weihnachten machen und David antwortete: «Wir feiern mit der Familie». Das Interesse war auf beiden Seiten gross. David erzählte uns noch, dass er in der Nacht arbeitet, dass seine Familie genügend Geld hat. Das schockierte uns beide extrem. Ein 11 Jähriger der am Tag in die Schule geht und in der Nacht Pflastersteine herstellt. Wir wussten nicht wie reagieren. David und Elias gingen bald und wir machten uns einen ruhigen Abend, da wir beide sehr müde waren.
Wir erlebten heute so vieles, wir liefen eine Monsteretappe von 42km. Hatten eine «heisse» Fahrt und trafen einen Jungen, der spielen uns nicht arbeiten sollte. Ich hörte den Satz: «Du weisst gar nicht wie gut es dir geht» schon häufig, es geht uns wirklich zu gut. Ich schreibe diesen Text einen Tag später und die Emotionen gehen immer noch mit mir durch, von Trauer bis Freude ist alles dabei.



















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