In dieser Nacht erlebte ich die kälteste bis dahin auf meiner Reise. Ich kauerte mich in meinem Schlafsack zusammen, damit ich warm hatte. Gemäss App war es fünf Grad kalt. Bevor ich mein Zelt am Morgen verliess, zog ich so viel an wie möglich. Es dauerte einige Zeit, während dem Laufen, bis ich das erste Kleidungsstück abzog. Zuerst entledigte ich mich meiner Regenjacke, ein paar Kilometer weiter folgte dann die Regenhose und nach dem Sonnenaufgang lief ich wieder mit kurzer Hose und T-Shirt. Auch wenn es weiter so kalt bleiben sollte, werde ich nicht länger schlafen, da es kurz vor dem Sonnenaufgang am kältesten ist und um 4 Uhr noch relativ milde.
In Albanien gibt es seit 1912 keine offizielle Religion mehr, doch mit 60% ist der Islam die weitverbreitetste Religion in Albanien. Dadurch sind am Sonntag auch nicht alle Geschäfte geschlossen, kleine Dorfläden öffneten auch heute, was mir eine Hilfe war. So konnte ich immer mal wieder etwas einkaufen und konnte meinen Bauch füllen. Ein Vorteil, den ich gegenüber anderen Reisenden habe, ist, dass ich sehe, wie das Leben in den Ländern wirklich ist und nicht nur in den Städten. Am Vormittag lief ich durch ein kleines Dorf mit einem Markt, dort wurde alles verkauft: von Werkzeugen bis hin zu lebendigen Tiere. Mir begegneten mehrere Personen, die lebende Hühner nach Hause trugen. Wo die Hühner dann um die Mittagszeit anzutreffen sind, kann ich nur vermuten. Ich geniesse es, dass ich mit meiner Art zu reisen so nahe an die Leute und an ihr Leben komme und schätze das auch sehr. Mir wird oft zu gewunken und ab und zu komme ich mit den Einheimischen in ein Gespräch. Doch viel mehr als ich auf meinen Spickzettel notiert habe, kann ich nicht sagen. Weiter lief ich entlang an einem Stausee, an dessen Ufer ich eine Pause einlegte. Währenddem sprach mich ein älterer Mann an, ob bei mir alles ok sei. Ich antwortete mit «Mirë», was «gut» bedeutet. Später begegnete ich erneut einem Einheimischen, der auf einen öffentlichen Bus wartete. Er forderte mich auf, auf die andere Seite zu stehen für die Busstation. Ich versuchte ihm klarzumachen, dass ich keinen Bus nähme.
Während meiner Mittagspause legte ich mich in den Schatten einer Pinie, da die Sonne sehr stark war. Am Morgenfrüh waren mein Tarp und Zelt komplett nass gewesen, hier konnte ich diese Sachen über den Mittag trocknen lassen. Hundertprozentig fit war ich noch nicht, ich hatte ein paar Erkältungssymptome. Nach dem Mittagessen legte ich mich hin und schlief zwei Stunden. Ich hätte noch mehr schlafen können, wollte aber noch weiter gehen und konnte dort auch nicht bleiben. Ich lief durch das Dorf Gramsh. Da nun Sonntagnachmittag war, waren viele Leute auch draussen und sahen mich vorbeigehen. Zuerst wurde ich von drei Jungs angesprochen, bei ihnen durfte ich meine Wasserflaschen auffüllen. Nur hundert Meter weiter erhielt ich eine kleine Wasserflasche von einem anderen Mann, der gerade mit einem Freund ein Brettspiel spielte. Der freundliche Mann wollte mir eine grosse Wasserflasche geben, da ich aber kurz davor eine Flasche bei den Jungs aufgefüllt hatte, lehnte ich ab, um Gewicht zu sparen. Der Mann verstand es nicht, dass ich nicht noch eine Flasche tragen wollte. So verabschiedete ich mich höflich und ging weiter. Bei einem kleinen Geschäft kaufte ich ein und lief weiter durch das Dorf. Am Ende des Dorfes wurde ich von einem Friseur und seinen Freunden angesprochen. Die Unterhaltungen waren immer witzig und herzlich. Da ich noch die kleine Plastikflasche von vorhin in der Hand hielt, wurde ich von einem angesprochen, ob er mir die Flasche auffüllen solle. Auch hier lehnte ich freundlich ab und verliess das Dorf mit den freundlichen Einwohnern. Nach diesem Dorf lief ich auf der Landstrasse weiter, wo mich ein Mercedes überholte und dann plötzlich vor mir anhielt.
Ein älteres Pärchen bot mir an, bei ihnen einzusteigen. Da ich heute bereits 40km zurückgelegt hatte und ich gefragt wurde, nahm ich das Angebot an. Dank meinem Spickzettel konnte ich ihnen erzählen, was ich mache und wer ich bin. Das Pärchen war begeistert und fuhr mich zwei Kilometer weit, bis es zu seinem Zuhause abbiegen musste. Beim Aussteigen bedankte ich mich vielmals und als sie davonfuhren wurde mir heftig zugewunken.
An diesem Punkt hatte ich mein Tagesziel erreicht, fand aber nicht umgehend ein geeignetes Nachlager, weshalb ich weiterlief. Ich hatte vor der Autofahrt meinen Wasservorrat aufgefüllt und somit alles was ich benötigte. An mir fuhren auf der Landstrasse einige Autos vorbei. Ein Auto hielt vor mir und der Fahrer fragte, ob ich ein Taxi benötigen würde. Dies irritierte mich und ich wusste nicht was antworten. Der Mann und seine Familie im Auto wollten Geld von mir, dass ich mit ihnen mitfahren könnte. Als ich das hörte sagte ich sofort nein und verabschiedete mich. Mein Kodex ist klar: ich laufe alles, ausser wenn ich gefragt werde und bezahlen werde ich nichts. Nach dem für mich skurrilen Angebot fand ich bald einen Nachtplatz, zehn Meter neben der Strasse, inmitten von Olivenbäumen. Während dem Abendessen winkten mir einige Anwohner zu und begrüssten mich höflich. Ich fühle mir hier sehr willkommen und spüre keine Angst, mein Zelt vorzeitig abzubauen.
Heute lief ich 45km und fuhr sogar noch 2km. Ab dem nächsten Tag soll es gemäss Wetter-App mehrere Tage regnen. Ich kenne meinen Körper gut genug um zu wissen, wann es genug ist. Ich bin gespannt, ob es so stark regnen wird, wie vorausgesagt wird.









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